Leseprobe

Claus Farnberger - Europameister: Österreich (nur für österreichische Leser)
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Eigentlich sind wir ein komisches Volk! Da prägen wir seit Jahrhunderten die Welt der Musik, päppeln mit unserer Muttermilch ruhmreiche Terminatoren und Herminatoren auf, stellen nach Belieben UNO-Generalsekretäre, Universum-Missen, Showmaster und Tatort-Kommissare, kurz: hüllen die ganze zivilisierte Welt in zartes Rotweißrot, – und dann schaffen wir es einfach nicht in einer der wesentlichsten Disziplinen der Menschheit unseren Fähigkeiten gemäß zu triumphieren.

Obwohl wir die schönsten Gebirgsseen, die liebreizendsten Gletscherschmelzen, die lustigsten parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, die hübschesten alleinerziehenden Mütter und die begnadetsten Athleten beheimaten, sind wir noch niemals Fußballweltmeister geworden. Noch nicht einmal Europameister!

Zumindest Letzteres wird sich schlagartig ändern. Denn nun sind wir erstmals für eine EM qualifiziert. Diese Qualifikation geschah zwar nicht auf dem Spielfeld, aber eine sportliche Leistung stellte sie allemal dar. Dank monatelanger Überzeugungsarbeit österreichischer Politiker und Funktionäre und anderer Lichtgestalten an allen maßgeblichen Hoteltheken Europas und dank einer Charme-Kampagne, gegen welche sich die „Reblaus“-Offensive während der Staatsvertragsverhandlungen wie ein laues Heurigenlüfterl ausnimmt, haben wir die Euro 2008 ins eigene Land gebracht.

Da wir nicht über genügend Geld verfügten und auch zu wenige Stadien für die Ausrichtung aller Spiel hatten, suchten wir nach einem möglichst potenten, möglichst verlässlichen, möglichst dummen Partner. Dieser bot sich in der Gestalt des schweizerischen Nachbarn an, der schnell bereit war alles zu geben und wenig zu nehmen. So ließen sich die netten Herrschaften vom Schweizerischen Fußballverband rasch davon überzeugen, dass das Finalspiel ja eigentlich nicht so wichtig sei, weil in dieser späten Turnierphase - bis auf zwei Mannschaften – ohnedies schon wieder alle Teams zu Hause seien. Da könne man das Endspiel ruhig in Wien ausrichten.

Naja, was will man von einem Volk erwarten, dass all seine kollektive Kreativität mit der Entwicklung von Kinkerlitzchen wie Toblerone-Rippen, Eibisch-Pastillen, der Neutralität und eines funktionierenden Bankenwesens verplempert hat?

Schlau wie wir sind, werden wir im Juni 2008 auch die ebenso arroganten wie zahlungskräftigen deutschen Fußballfans ins Land locken. Erstmals hoffen wir inständig, dass sich die DFB-Elf für ein wichtiges Fußballturnier qualifizieren möge. Nach dem schneearmen Winter 2007 muss dringend frisches Geld in den österreichischen Tourismus-Säckel. Sollen sie kommen, die Sportfreunde aus Buxtehude, Schweinfurt und Pforzheim! Sollen sie schauen, genießen, konsumieren, zahlen – und dann geschwind wieder heimfahren!

Selbstbewusst wie wir sind, werden wir die Deutschen jedenfalls um nichts bitten, schon gar nicht um sportliche Schonung. Das haben wir nämlich wirklich nicht notwendig.

Dieses Büchlein, das aus rein marktwirtschaftlichen Gründen auch in unseren Nachbarländern vertrieben wird, soll dem österreichischen Fandenken den letzten optimistischen Feinschliff verpassen. Ja, Österreich wird Europameister 2008!

Sollten Sie unser epochales Druckwerk schon vor Turnierbeginn lesen, werden unsere zündenden Thesen vielleicht zu Beginn noch Ihr zweckpessimistisches Inneres irritieren, Kapitel für Kapitel wird Ihre Zuversicht aber genährt werden und sich schließlich in von Vorfreude durchdrungene Gewissheit verwandeln.

Sollten Sie hingegen erst nach der EM 2008 dazukommen dieses Buch zu lesen, dann werden natürlich schon alle Spatzen von den Dächern gepfiffen haben, dass Österreich tatsächlich Europameister geworden ist. Dann werden Sie sich ärgern, dass es den Autoren gelungen ist mit einer so simplen Anhäufung vorhersehbarer Banalitäten ihr Geld gemacht zu haben. Und man wird Ihnen nicht widersprechen können…

Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Möglicherweise wird nicht jeder Österreicher den Siegerpokal in Händen halten können. Aus diesem Grunde haben wir dementsprechende Vorkehrungen getroffen. Da der neue, erstmals 2008 überreichte Henri Delaunay-Pokal ohnedies nur bescheidene 60 Zentimeter Höhe aufweist, haben wir ein unwesentlich verkleinertes Abbild auf der Vorderseite unseres Buches platziert. Dieses müssen Sie nach dem gewonnenen Endspiel einfach nur ausschneiden und stolz in die Höhe recken. Einziger Nachteil: Trinken können Sie daraus nicht!

Gerald Simon – Wir werden Europameister

„Papa, wir werden Europameister!“ eröffnete mir die mittlerweile elfjährige Unfrucht meiner Lenden nach einem Trainingsnachmittag mit all den anderen U12-Früchtchen.
„In welcher Sportart?“ mischte sich überraschend seine, um 6 Jahre ältere, Schwester ein. Ich unterdrückte einen leicht aufkeimenden Anfall von Jähzorn, den diese Zwischenfrage meiner Tochter in mir auslöste. Seit feststand, dass die kommende Fußballeuropameisterschaft in Österreich stattfinden würde, wurde innerhalb der Familie andauernd über Chancen und Möglichkeiten des österreichischen Fußballnationalteams spekuliert. Offensichtlich waren diese Diskussionen vollkommen spurlos an meiner Tochter vorübergezogen. Nur halbwegs beherrscht konnte ich mich dann der kühnen Behauptung meines Knaben widmen:
„Wer sagt das? Die Fußballexperten Joni und Tobi?“
„Auch! Aber ist doch logisch! Wir haben nur Heimspiele, sogar das Finale wäre ein Heimspiel“, entgegnete der Fußballfansohn euphorisch.
„Wieso haben wir nur Heimspiele? Das ist doch ungerecht.“ Meine Tochter hat ein ausgeprägtes, feines Gefühl für Diskriminierungen – Spezialgebiet Frauenfragen – und hielt meinem bösen Blick mit dem Selbstbewusstsein der ahnungslosen Jugend locker stand.
„Das ist ein Argument“, sagte ich möglichst freundlich, mit äußerster Selbstbeherrschung, wieder meinem Sohn zugewandt. Was konnte der Sohn auch für seine Schwester? Ich stand kurz davor, dem Wort Sippenhaftung eine völlig neue Bedeutung zu geben. „Aber bedenke, Knabe, durch die Setzungen bei der Auslosung und unserem schlechten Ranglistenplatz werden sich in unserer Vorrundengruppe mindestens zwei, wenn nicht gar drei, unüberwindbare Hürden bereits auf dem Weg in Viertelfinale vor uns aufbauen.“
„Wieso Setzungen? Das ist doch ungerecht!“ sagte nicht mein Sohn.
„Weil sonst vielleicht Deutschland, Frankreich, Italien und Brasilien in einer Gruppe spielen würden!“ brüllte ich meine Tochter an.
„Brasilien liegt nicht in Europa!“ bekundete mein Sohn überraschende Geographiekenntnisse.
„Gusch!“
„Na und!“ erklärte mir meine Tochter in aller Ruhe. „Du sagst doch eh immer, bei solchen Großveranstaltungen zählt eh nur der Titel. Ist doch eh egal, wann man ausscheidet, wenn man eh nicht gewinnt!“
„Eh, eh, eh, ohnehin oder ohnedies, heißt das!“ Ich beobachtete eine Zeitlang interessiert kleine konzentrische rote Kreise, die vor meinen Augen tanzten. Als sie verschwunden waren, wagte ich einen nächsten Versuch:
„Schau, Prinzessin, es ist doch im Interesse des Turniers die Spannung während des gesamten Verlaufes möglichst hoch zu halten, um die Aufmerksamkeit der Medien und das Zuschauerinteresse sukzessive zu steigern. Deshalb ist es nicht gut, wenn Mitfavoriten bereits früh nach Hause fahren müssen.“
„Also, Gewinnmaximierung durch öffentlich abgesegnete Manipulation!“, fuhr mir dieses aufmüpfige, pubertätslinke Würstchen in die Parade. Mein Gutmenschenherz legte zwei, drei Wechselschritte ein, automatisch steigerte sich die Frequenz meiner Atmung.
„Setzlisten entstehen nicht manipulativ, sie sind der Spiegel wohlerworbener Meriten von Sportlern und Mannschaften!“, hechelte ich.
„Sie sind der Spiegel einer leistungsorientierten, neoliberalen Termitengesellschaft!“, variierte meine Tochter geschickt einen Ausspruch Franz Münteferings und schien plötzlich Spaß an dieser Diskussion zu haben. Fast schien es, sie delektiere sich an meiner rapid dahinschwindenden Gesundheit – so wie andere Kleingeister sich an der momentan gesund dahinschwindenden Rapid delektieren.
„Hallo, wir werden Europameister, was sagt ihr?“ Kind Nummer zwei fühlte sich zu recht vernachlässigt.
„Also, wenn sich maßgebliche, kompetente Herren der FIFA und der UEFA die Köpfe zerbrechen, wie große Turniere am besten abgewickelt werden, brauchen wir rückständigen Hascherln sicherlich nicht mehr darüber nachdenken, zumal wir schon Schwierigkeiten haben, ein Provinzturnier mit sechs teilnehmenden Mannschaften halbwegs, ohne Massenschlägerei, über die Bühne zu bringen. Und überhaupt du, die du bis zum 10. Lebensjahr geglaubt hast, der Fußball sei ein Teil der Fußsohle...“
„Ja, sicher! Und Joseph Blatter ist der Robin Hood des Weltfußballs!“
Woher kannte sie plötzlich diesen Namen? Um mir meine Verblüffung nicht anmerken zu lassen, sagte ich aber:
„Woher kennst du eigentlich diesen Namen?“
„Also ich glaube, Österreich wird Europameister!“ Der Sohn wurde langsam ungeduldig.
„Du hast jetzt Pause, du g’scheckerter Koffer[1]!“ spielte ich elegant auf die neu gemeschte Haartracht meines Sohnes an und belehrte meine Tochter: „Das ist einfach so und damit basta!“ Der Grad meiner Erregung näherte sich seinem Höhepunkt.
„Zum Fußball gehört eben auch Tradition …“
„… genauso wie Geschäftemacherei, Schiedsrichtermanipulationen, überhöhte Spielerhandgelder, unseriöse Spielervermittler, Vereinskonkurse …“
Geschickt wich sie meinem Mobiltelefon aus, das sich plötzlich mit Wucht wie von selbst aus meiner Hand gelöst hatte und anschließend hinter ihr an der Wand zerschellte. Hohnlachend und erhobenen Hauptes verließ die Siegerin den Raum, wahrscheinlich, um sich mit anderen grünen Spinnern bei einem Trommelworkshop zu treffen, und ihnen maliziös mitzuteilen, dass man ihren Vater momentan nur über das Festnetz erreichen könne.
 „Wir werden Europameister!“ insistierte mein Sohn.
„Halt endlich die Pappen[2]!“ röhrte ich waidwund, während ich die Einzelteile meines Handys einsammelte. „Habt ihr kleinen Idioten nichts anderes zu tun, als so hirnrissige Behauptungen aufzustellen?“


 

[1] Übersetzung für bundesdeutsche Leser: getupftes Gepäckstück, im übertragenen Sinn Döskopp!

[2] Übersetzung für bundesdeutsche Leser: Fresse!

 

Hörprobe

Abstieg
Debut
Flanke
Gurkerl
Pass