|
Eigentlich sind wir ein komisches Volk! Da prägen wir
seit Jahrhunderten die Welt der Musik, päppeln mit unserer Muttermilch
ruhmreiche Terminatoren und Herminatoren auf, stellen nach Belieben
UNO-Generalsekretäre, Universum-Missen, Showmaster und Tatort-Kommissare,
kurz: hüllen die ganze zivilisierte Welt in zartes Rotweißrot, – und dann
schaffen wir es einfach nicht in einer der wesentlichsten Disziplinen der
Menschheit unseren Fähigkeiten gemäß zu triumphieren.
Obwohl wir die schönsten Gebirgsseen, die
liebreizendsten Gletscherschmelzen, die lustigsten parlamentarischen
Untersuchungsausschüsse, die hübschesten alleinerziehenden Mütter und die
begnadetsten Athleten beheimaten, sind wir noch niemals Fußballweltmeister
geworden. Noch nicht einmal Europameister!
Zumindest Letzteres wird sich schlagartig ändern. Denn
nun sind wir erstmals für eine EM qualifiziert. Diese Qualifikation
geschah zwar nicht auf dem Spielfeld, aber eine sportliche Leistung
stellte sie allemal dar. Dank monatelanger Überzeugungsarbeit
österreichischer Politiker und Funktionäre und anderer Lichtgestalten an
allen maßgeblichen Hoteltheken Europas und dank einer Charme-Kampagne,
gegen welche sich die „Reblaus“-Offensive während der
Staatsvertragsverhandlungen wie ein laues Heurigenlüfterl ausnimmt, haben
wir die Euro 2008 ins eigene Land gebracht.
Da wir nicht über genügend Geld verfügten und auch zu
wenige Stadien für die Ausrichtung aller Spiel hatten, suchten wir nach
einem möglichst potenten, möglichst verlässlichen, möglichst dummen
Partner. Dieser bot sich in der Gestalt des schweizerischen Nachbarn an,
der schnell bereit war alles zu geben und wenig zu nehmen. So ließen sich
die netten Herrschaften vom Schweizerischen Fußballverband rasch davon
überzeugen, dass das Finalspiel ja eigentlich nicht so wichtig sei, weil
in dieser späten Turnierphase - bis auf zwei Mannschaften – ohnedies schon
wieder alle Teams zu Hause seien. Da könne man das Endspiel ruhig in Wien
ausrichten.
Naja, was will man von einem Volk erwarten, dass all
seine kollektive Kreativität mit der Entwicklung von Kinkerlitzchen wie
Toblerone-Rippen, Eibisch-Pastillen, der Neutralität und eines
funktionierenden Bankenwesens verplempert hat?
Schlau wie wir sind, werden wir im Juni 2008 auch die
ebenso arroganten wie zahlungskräftigen deutschen Fußballfans ins Land
locken. Erstmals hoffen wir inständig, dass sich die DFB-Elf für ein
wichtiges Fußballturnier qualifizieren möge. Nach dem schneearmen Winter
2007 muss dringend frisches Geld in den österreichischen Tourismus-Säckel.
Sollen sie kommen, die Sportfreunde aus Buxtehude, Schweinfurt und
Pforzheim! Sollen sie schauen, genießen, konsumieren, zahlen – und dann
geschwind wieder heimfahren!
Selbstbewusst wie wir sind, werden wir die Deutschen
jedenfalls um nichts bitten, schon gar nicht um sportliche Schonung. Das
haben wir nämlich wirklich nicht notwendig.
Dieses Büchlein, das aus rein marktwirtschaftlichen
Gründen auch in unseren Nachbarländern vertrieben wird, soll dem
österreichischen Fandenken den letzten optimistischen Feinschliff
verpassen. Ja, Österreich wird Europameister 2008!
Sollten Sie unser epochales Druckwerk schon vor
Turnierbeginn lesen, werden unsere zündenden Thesen vielleicht zu Beginn
noch Ihr zweckpessimistisches Inneres irritieren, Kapitel für Kapitel wird
Ihre Zuversicht aber genährt werden und sich schließlich in von Vorfreude
durchdrungene Gewissheit verwandeln.
Sollten Sie hingegen erst nach der EM 2008 dazukommen
dieses Buch zu lesen, dann werden natürlich schon alle Spatzen von den
Dächern gepfiffen haben, dass Österreich tatsächlich Europameister
geworden ist. Dann werden Sie sich ärgern, dass es den Autoren gelungen
ist mit einer so simplen Anhäufung vorhersehbarer Banalitäten ihr Geld
gemacht zu haben. Und man wird Ihnen nicht widersprechen können…
Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Möglicherweise wird
nicht jeder Österreicher den Siegerpokal in Händen halten können. Aus
diesem Grunde haben wir dementsprechende Vorkehrungen getroffen. Da der
neue, erstmals 2008 überreichte Henri Delaunay-Pokal ohnedies nur
bescheidene 60 Zentimeter Höhe aufweist, haben wir ein unwesentlich
verkleinertes Abbild auf der Vorderseite unseres Buches platziert. Dieses
müssen Sie nach dem gewonnenen Endspiel einfach nur ausschneiden und stolz
in die Höhe recken. Einziger Nachteil: Trinken können Sie daraus nicht!
„Papa, wir werden Europameister!“ eröffnete mir die mittlerweile
elfjährige Unfrucht meiner Lenden nach einem Trainingsnachmittag mit all
den anderen U12-Früchtchen.
„In welcher Sportart?“ mischte sich überraschend seine, um 6 Jahre ältere,
Schwester ein. Ich unterdrückte einen leicht aufkeimenden Anfall von
Jähzorn, den diese Zwischenfrage meiner Tochter in mir auslöste. Seit
feststand, dass die kommende Fußballeuropameisterschaft in Österreich
stattfinden würde, wurde innerhalb der Familie andauernd über Chancen und
Möglichkeiten des österreichischen Fußballnationalteams spekuliert.
Offensichtlich waren diese Diskussionen vollkommen spurlos an meiner
Tochter vorübergezogen. Nur halbwegs beherrscht konnte ich mich dann der
kühnen Behauptung meines Knaben widmen:
„Wer sagt das? Die Fußballexperten Joni und Tobi?“
„Auch! Aber ist doch logisch! Wir haben nur Heimspiele, sogar das Finale
wäre ein Heimspiel“, entgegnete der Fußballfansohn euphorisch.
„Wieso haben wir nur Heimspiele? Das ist doch ungerecht.“ Meine Tochter
hat ein ausgeprägtes, feines Gefühl für Diskriminierungen – Spezialgebiet
Frauenfragen – und hielt meinem bösen Blick mit dem Selbstbewusstsein der
ahnungslosen Jugend locker stand.
„Das ist ein Argument“, sagte ich möglichst freundlich, mit äußerster
Selbstbeherrschung, wieder meinem Sohn zugewandt. Was konnte der Sohn auch
für seine Schwester? Ich stand kurz davor, dem Wort Sippenhaftung eine
völlig neue Bedeutung zu geben. „Aber bedenke, Knabe, durch die Setzungen
bei der Auslosung und unserem schlechten Ranglistenplatz werden sich in
unserer Vorrundengruppe mindestens zwei, wenn nicht gar drei,
unüberwindbare Hürden bereits auf dem Weg in Viertelfinale vor uns
aufbauen.“
„Wieso Setzungen? Das ist doch ungerecht!“ sagte nicht mein Sohn.
„Weil sonst vielleicht Deutschland, Frankreich, Italien und Brasilien in
einer Gruppe spielen würden!“ brüllte ich meine Tochter an.
„Brasilien liegt nicht in Europa!“ bekundete mein Sohn überraschende
Geographiekenntnisse.
„Gusch!“
„Na und!“ erklärte mir meine Tochter in aller Ruhe. „Du sagst doch eh
immer, bei solchen Großveranstaltungen zählt eh nur der Titel. Ist doch eh
egal, wann man ausscheidet, wenn man eh nicht gewinnt!“
„Eh, eh, eh, ohnehin oder ohnedies, heißt das!“ Ich beobachtete eine
Zeitlang interessiert kleine konzentrische rote Kreise, die vor meinen
Augen tanzten. Als sie verschwunden waren, wagte ich einen nächsten
Versuch:
„Schau, Prinzessin, es ist doch im Interesse des Turniers die Spannung
während des gesamten Verlaufes möglichst hoch zu halten, um die
Aufmerksamkeit der Medien und das Zuschauerinteresse sukzessive zu
steigern. Deshalb ist es nicht gut, wenn Mitfavoriten bereits früh nach
Hause fahren müssen.“
„Also, Gewinnmaximierung durch öffentlich abgesegnete Manipulation!“, fuhr
mir dieses aufmüpfige, pubertätslinke Würstchen in die Parade. Mein
Gutmenschenherz legte zwei, drei Wechselschritte ein, automatisch
steigerte sich die Frequenz meiner Atmung.
„Setzlisten entstehen nicht manipulativ, sie sind der Spiegel
wohlerworbener Meriten von Sportlern und Mannschaften!“, hechelte ich.
„Sie sind der Spiegel einer leistungsorientierten, neoliberalen
Termitengesellschaft!“, variierte meine Tochter geschickt einen Ausspruch
Franz Münteferings und schien plötzlich Spaß an dieser Diskussion zu
haben. Fast schien es, sie delektiere sich an meiner rapid
dahinschwindenden Gesundheit – so wie andere Kleingeister sich an der
momentan gesund dahinschwindenden Rapid delektieren.
„Hallo, wir werden Europameister, was sagt ihr?“ Kind Nummer zwei fühlte
sich zu recht vernachlässigt.
„Also, wenn sich maßgebliche, kompetente Herren der FIFA und der UEFA die
Köpfe zerbrechen, wie große Turniere am besten abgewickelt werden,
brauchen wir rückständigen Hascherln sicherlich nicht mehr darüber
nachdenken, zumal wir schon Schwierigkeiten haben, ein Provinzturnier mit
sechs teilnehmenden Mannschaften halbwegs, ohne Massenschlägerei, über die
Bühne zu bringen. Und überhaupt du, die du bis zum 10. Lebensjahr geglaubt
hast, der Fußball sei ein Teil der Fußsohle...“
„Ja, sicher! Und Joseph Blatter ist der Robin Hood des Weltfußballs!“
Woher kannte sie plötzlich diesen Namen? Um mir meine Verblüffung nicht
anmerken zu lassen, sagte ich aber:
„Woher kennst du eigentlich diesen Namen?“
„Also ich glaube, Österreich wird Europameister!“ Der Sohn wurde langsam
ungeduldig.
„Du hast jetzt Pause, du g’scheckerter Koffer!“
spielte ich elegant auf die neu gemeschte Haartracht meines Sohnes an und
belehrte meine Tochter: „Das ist einfach so und damit basta!“ Der Grad
meiner Erregung näherte sich seinem Höhepunkt.
„Zum Fußball gehört eben auch Tradition …“
„… genauso wie Geschäftemacherei, Schiedsrichtermanipulationen, überhöhte
Spielerhandgelder, unseriöse Spielervermittler, Vereinskonkurse …“
Geschickt wich sie meinem Mobiltelefon aus, das sich plötzlich mit Wucht
wie von selbst aus meiner Hand gelöst hatte und anschließend hinter ihr an
der Wand zerschellte. Hohnlachend und erhobenen Hauptes verließ die
Siegerin den Raum, wahrscheinlich, um sich mit anderen grünen Spinnern bei
einem Trommelworkshop zu treffen, und ihnen maliziös mitzuteilen, dass man
ihren Vater momentan nur über das Festnetz erreichen könne.
„Wir werden Europameister!“ insistierte mein Sohn.
„Halt endlich die Pappen!“
röhrte ich waidwund, während ich die Einzelteile meines Handys
einsammelte. „Habt ihr kleinen Idioten nichts anderes zu tun, als so
hirnrissige Behauptungen aufzustellen?“
Übersetzung für bundesdeutsche Leser: getupftes Gepäckstück,
im übertragenen Sinn Döskopp!
Übersetzung für bundesdeutsche Leser: Fresse!
|
Hörprobe
|